Therapeutische Arbeit mit Inneren Selbst-Anteilen
Die Ego-State-Therapie (übersetzt: Ich-Zustand) begründet sich auf der Erfahrung, dass die menschliche Persönlichkeit aus verschiedenen Ich-Zuständen besteht, d.h. aus unterschiedlichen Beziehungs- und Verhaltensmustern. Diese sog. Ego-States unterscheiden sich in ihrer Wahrnehmung, ihren Gefühlen, Körperempfindungen, Haltungen und Überzeugungen und auch in ihren Handlungsimpulsen. Sie entsprechen verschiedenen Altersstufen (z.B. kindliche und jugendliche Altersgruppen) und verfügen über ihre eigene Entstehungsgeschichte. Sie erfüllen eine bestimmte Funktion im Leben des Gesamt-Selbst, die dazu dient, sich in der Welt zurechtzufinden und/oder bestimmte Zielvorstellungen umzusetzen. Entsprechend der jeweiligen Lebenssituation steht also das dazu „passende“ Ego-State im Vordergrund, wir identifizieren uns mit diesem Zustand und handeln demgemäß. Alle anderen Selbst-Anteile treten dabei in den Hintergrund. Ändern sich die äußeren Rahmenbedingungen, wechseln wir „automatisch“ in den dazu passenden Ich-Zustand. Trotz dieser unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile haben wir i.d.R. das Erleben eines ungeteilten, einheitlichen Ichs, da die Grenzen zwischen diesen Anteilen durchlässig sind und ein Wissen, Akzeptanz und Austausch untereinander besteht. Es gibt jedoch Lebensbedingungen, insbesondere in der (frühen) Kindheit, die diese normale Entwicklung erschweren, manchmal sogar verunmöglichen. Einflüsse, die z.B. dazu führen, dass wir in bestimmten Situationen nicht als Erwachsene reagieren können, sondern mit einem kindlichen Anteil antworten, was zwangsläufig zu unangemessenen Verhaltensweisen und zu inneren Konflikten führt. In anderen Fällen entstehen Selbst-Anteile, die eine abwertende, verachtende und/oder (selbst-) zerstörerisch wirkende Haltung entwickelt haben oder die Gefühle und Haltungen zum Ausdruck bringen, die abgelehnt werden und mit denen sich die Betreffenden nicht identifizieren können/wollen (z.B. Hilflosigkeit, Schwäche, Ohnmacht, Schuld usw.) So entstehen innere Kämpfe, die als überaus belastend und unheilvoll erlebt werden und zu unterschiedlichsten (auch psychosomatischen) Symptomen führen können. Wichtig im Umgang mit diesen Selbst-Anteilen ist gerade in diesem Zusammenhang eine klare Ressourcenorientierung: Jeder Ich-Zustand ist entstanden, um sich der jeweiligen Umgebung anzupassen, hat also zumindest im Entstehungszeitraum eine stabilisierende und insofern hilfreiche Funktion, die immer dem (psychischen) Überleben des Individuums dient (gedient hat). Dies gilt im besonderen Maße bei (sexuellen) Traumatisierungen. Insofern ist die zugrunde liegende Absicht jedes Ego-States nie eine schadende, auch wenn das konkrete Verhalten in der Gegenwart hemmend, blockierend und nicht heilsam erscheint. In diesem Verständnis ist es wenig sinnvoll, ein in der Kindheit durch beeinträchtigende Einflüsse entstandenes Ego-State als Defizit wahrzunehmen, sondern es verdient – unabhängig von seinem Erscheinungsbild – unsere
Wertschätzung und Anerkennung. Erst durch diese wohlwollende und akzeptierende Haltung ist eine Integration möglich, die die unterschiedlichen Anteile zu einem funktionierenden und selbstachtenden Team werden lässt, das niemanden abweist oder bekämpft. D.h. alle Ich-Anteile haben eine Existenzberechtigung, kein Anteil wird ausgegrenzt. Durch die wertschätzende Auseinandersetzung mit ihnen können ihre oftmals wertvollen Erfahrungen und Fähigkeiten sichtbar werden, die durch eine Integration (neu) genutzt werden können. Dazu ist es i.d.R. erforderlich, die Funktion dieser Selbst-Anteile in der Gegenwart zu überprüfen und ggf. zu verändern. Dies kann im unmittelbaren Kontakt zu dem jeweiligen Anteil geschehen. Auf diese Weise werden innere Unvereinbarkeiten aufgelöst, alte, überholte Überlebensstrategien werden gegenwartsbezogen umgewandelt und inneres Einverständnis und innerer Frieden kann entstehen.









